Zahl schwerbehinderter Arbeitsloser steigt

Wie, Du bist schwerbehindert?

Limburg - Weilburg | 02.12.2011

Trotz Schwerbehinderung uneingeschränkt leistungsfähig: Frederik Schardt
Trotz Schwerbehinderung uneingeschränkt leistungsfähig: Frederik Schardt

  • Trotz Fachkräftemangel steigt die Zahl schwerbehinderter Arbeitsloser
  • Gleichzeitig bleiben Pflichtplätze in heimischen Unternehmen unbesetzt
  • Schwerbehinderung oft ohne Auswirkung auf Leistungsfähigkeit – so wie bei Frederik Schardt aus Wilsenroth

Der Arbeitsmarkt trotzt allen Krisen, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Beschäftigung floriert, Fachkräfte sind Mangelware. Dieses Bild gilt für Deutschland, Hessen und den Kreis Limburg-Weilburg gleichermaßen.

Ist also alles in Ordnung auf dem Arbeitsmarkt? „Definitiv nein“, ist die entschiedene Antwort von Heike Hengster, Chefin der Limburger Arbeitsagentur. „Ausgebildete, junge Menschen sind die eindeutigen Sieger der letzten anderthalb Jahre. Leider nimmt die Entwicklung ältere Erwerbslose und vor allem schwerbehinderte Arbeitskräfte nicht mit“, berichtet Hengster. Dabei seien gerade in diesen beiden Personengruppen noch erhebliche Potenziale zu heben. Drei Viertel dieser Bewerber sind nach Hengsters Angaben marktgerecht qualifiziert.

267 Betriebe aus dem Kreisgebiet seien gesetzlich verpflichtet, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Arbeitnehmern zu besetzen. Tatsächlich würden in diesen Unternehmen im Schnitt 5,7 Prozent erreicht, weil vor allem öffentliche Arbeitgeber ihre Verpflichtung mit 9,1 Prozent deutlich übererfüllen. Dennoch seien zuletzt 178 Pflichtplätze nicht mit Schwerbehinderten besetzt gewesen. Dem stehen derzeit 356 -zum Teil hochqualifizierte- arbeitslose Schwerbehinderte gegenüber. Während die Arbeitslosigkeit im Agenturbezirk Limburg im letzten Jahr um knapp drei Prozent gesunken sei, habe sich die Zahl schwerbehinderter Erwerbsloser im gleichen Zeitraum um zweieinhalb Prozent erhöht, berichtet Hengster. „Leider sind viele Arbeitgeber nur unzureichend über die rechtlichen Hintergründe informiert und scheuen deshalb die Beschäftigung behinderter Menschen. So tritt der besondere Kündigungsschutz beispielsweise erst nach sechs Monaten Beschäftigung ein und selbst danach berücksichtigt das dann zustimmungspflichtige Integrationsamt bei der Entscheidung auch die betrieblichen Belange“, führt die Leiterin der Agentur weiter aus.

Auch hätten die gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei sehr vielen behinderten Arbeitnehmern nur geringfügige oder keine Auswirkungen auf ihre Beschäftigung, so wie bei Frederik Schardt. Der junge Mann aus Wilsenroth hat im September eine Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsförderung bei der Limburger Arbeitsagentur begonnen. „Wie, Du bist schwerbehindert?“, sei häufig die überraschte Frage von Kollegen. Frederik ist an einer Nierenstörung erkrankt. Durch entsprechende Medikamente sei er bestens eingestellt, sagt der sportliche junge Mann. Obwohl er einen Grad der Behinderung von 50 habe, sei er in seinem Job in keiner Weise beeinträchtigt.

Heike Hengster hat auch als Arbeitgeberin gute Erfahrungen mit einem Personalmix von behinderten und nichtbehinderten Mitarbeitern gemacht: „Wir haben aktuell 11 schwerbehinderte Mitarbeiter in unseren Reihen. Für mich ist es wertschöpfend, jede Arbeitskraft nach deren individueller Fähigkeit einzusetzen – und das gilt für Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen. Der hohe Fachkräftebedarf macht auch vor den öffentlichen Arbeitgebern nicht halt. Für mich wäre es fahrlässig, nur deswegen auf eine qualifizierte Arbeitskraft zu verzichten, weil er einen Schwerbehindertenausweis besitzt“, betont die Leiterin der Arbeitsagentur.

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